Anmerkungen der Regisseurin

Ich bin dein Labyrinth – Wolfgang Rihm . Nietzsche . Dionysos (Dokumentarfilm 53 Min.) Dionysos – Eine Opernphantasie von Wolfgang Rihm (Opernfilm 2h)

Weltpremiere Sonntag, 26. Juni, 14 Uhr und 15:30 Uhr, CinemaxX 4 von Bettina Ehrhardt

Es war ein Wagnis in jeder Hinsicht: Ein Werk des Musiktheaters, das der Komponist Wolfgang Rihm mehr als 15 Jahre lang mit sich herumtrug, dessen Uraufführung dreimal schon verschoben worden war – und das am Ende in nur wenigen Wochen niedergeschrieben wurde. Ein Regieteam, das unter höchstem Zeitdruck planen musste, bevor das Stück überhaupt existierte - die Proben begannen eine Woche nachdem die Komposition abgeschlossen worden war. Dazu ein hochartifizieller Text: Nietzsches späte „Dionysos-Dithyramben“, die letzten Dichtungen des Philosophen, veröffentlicht kurze Zeit vor seinem Zusammenbruch. Bühnenideen, die bei der Lektüre der Partitur Gogol-artig skurril anmuten (eine Haut wird abgezogen und beginnt eigenständig zu agieren). Wolfgang Rihm hat aus Nietzsches rätselhaften Dichtungen Theaterszenen abgeleitet, die höchst unterschiedliche Bedeutungsebenen poetisch verdichten. Aus Nietzsches Wortspielen (zum Beispiel „Selbstkenner – Selbsthenker“) schlägt er Handlungsfunken, verknüpft sie mit Stationen aus dem Leben Nietzsches, mit philosophischen Aspekten abendländischer Ideengeschichte, mit Leidensmystik und romantischen Theorien über das Wesen alles Schöpferischen: „Der Text ist von mir, jedes Wort ist von Nietzsche“, fasst Rihm die doppelte Autorschaft zusammen.

Dies mit der Kamera „mitzuerleben“, in Bild und Ton festzuhalten, dafür haben wir, mein Redakteur Lothar Mattner vom WDR und ich, etliche Jahre gekämpft (Neue Musik im Fernsehen ist nicht gerade der Quotenrenner, da braucht es beharrliche Überzeugungsarbeit) – wie, an anderer Stelle, der Intendant Jürgen Flimm es durchsetzte, dass „Dionysos - Szenen und Dithyramben - Eine Opernphantasie“ die Salzburger Festspiele 2010 eröffnete! Ein Wagnis! Und ein Triumph für Wolfgang Rihm, für die Sänger dieser grandiosen Salzburger Uraufführung: Johannes Martin Kränzle in der Titelrolle, Mojca Erdmann als Ariadne (für ihre Stimme schrieb Rihm die Musik dieser Partie), Matthias Klink als „Ein Gast“, für Elin Rombo, Virpi Räisänen, Julia Faylenbogen als Nymphen, Delphine, Esmeralden, Mänaden, für das Regieteam mit Pierre Audi und dem Künstler Jonathan Meese, für das Deutsche Symphonieorchester Berlin und den Wiener Staatsopernchor unter der Leitung von Ingo Metzmacher. Anschließend gab Wolfgang Rihm Autogramme in Salzburgs Gassen – das Publikum feierte ihn wie einen Popstar!

Wir hatten das richtige Gespür für die Gunst des Augenblicks – und haben, alle Vernunftsüberlegungen in den Wind schlagend, mit hohem Aufwand produziert, als gälte es nicht „bloß“ eine Dokumentation zu drehen, sondern die gesamte Oper. Dass dies „aufgegangen“ ist, dazu gehört die in letzter Minute beantragte und gewährte Förderung durch die MFG Filmförderung BadenWürttemberg, die uns ermöglichte, zusammen mit dem Dokumentarfilm das gesamte Musiktheater als Opernfilm zu schneiden. Dazu gehört, dass wir nun beide Filme zusammen auf dem Münchner Filmfest vorstellen dürfen – diese Einladung ist der andere Glücksfall. Denn beide Filme, der Opernfilm und die Dokumentation bilden eine Einheit: Im zuerst gezeigten Dokumentarfilm erlebt der Zuschauer mit, wie elektrisiert und kongenial alle Beteiligten der Uraufführung zusammenarbeiteten; er wird an den Originalschauplatz geführt, wo Nietzsche in der Engadiner Gebirgslandschaft von Sils Maria, am Surlej-Felsen, der selbstverfertigten Mythologie nach, die Hauptgedanken seiner Philosophie erfaßte. Aus den verschiedenen Blickwinkeln, mit Zitaten Nietzsches, aus Probenbeobachtungen und Opernausschnitten entsteht so ein Film über die Themen der Oper, die Hintergründe und Ideen, die zu ihrer Entstehung führten, die bildhaft kinematographisch anmutenden Kompositionsweisen Wolfgang Rihms, der mit dieser „Künstleroper“ zugleich Einblick gewährt in sein eigenes Künstlerdasein – eine Poetologie der künstlerischen Krise. Nietzsches philosophisch konstruierter Widerstreit zwischen Apollo und Dionysos, zwischen Verstand und Gefühl, erlebt Rihm als die „beiden Prinzipien“ alles Schöpferischen. „Eigentlich beschreibt der Rihm sich, wie er eine kreative Krise hat. Dass er seinen eigenen kreativen Prozess so auf die Bühne bringt, das hat mir schon sehr gut gefallen“, sagt dazu der Intendant Jürgen Flimm.

Eine Figur „N.“ steht bei Wolfgang Rihm auf der Bühne, der den historischen Nietzsche ins Allgemeine überhöht: Verlangen, Liebe, Sehnsucht nach Nähe und die Angst davor, erotische Phantasien; Freundschaft und Rivalität unter Männern, die Faszination des „Abgrunds“. In „Ns“ Liebe zu „Ariadne“, klingt die Verehrung des historischen Nietzsche für Cosima an, die Frau des bewunderten, später gehassten Richard Wagner. Sie nannte er „Ariadne“, bezeichnete sich selbst als „Dionysos“. Die Liebe zu Lou Salomé schwingt mit, die Nietzsche nicht für sich gewinnen konnte, oder die Freundschaft zu dem glücklosen Komponisten Peter Gast (hier „ein Gast“ genannt), die überlieferte Bordellszene, schließlich die Legende von Nietzsches Zusammenbruchs auf dem Turiner Platz – Wolfgang Rihm verknüpft diese Stationen mit Nietzsches Dichtungen: „Die Ebenen orchestrieren sich gegenseitig“, sagt er.

Spannend war für mich, wie Wolfgang Rihm aus der Überlagerung von Sinnebenen („Übermalungen“, Doppelbelichtungen“ nennt er selber seine Motiv- und Kompositionstechnik) ein Ganzes erschafft, das vollkommen klar und sinnfällig und zugleich offen für immer neue Deutungen und Fortschreibungen ist. Wie er es schafft, mit den Mitteln des Fragments eine Offenheit, Unabgeschlossenheit herzustellen, die die Phantasie des Zuschauers beflügelt. Rihm öffnet Freiräume für unsere Phantasien – es entstehen Nähe, Berührung, Spannung. Übermalungen auch im musikalischen Sinn: Welche Musiken Rihm hört und liebt, das schwingt in seiner Musik mit, schlägt im Hörer Saiten der Erinnerung, der Emotion an.