Die Entstehungsgeschichte der Oper

Über fünfzehn Jahre lang hat Wolfgang Rihm an der Idee der Dionysos-Oper gearbeitet – und sie am Ende in nur wenigen Wochen niedergeschrieben. In seinem Buch „Vorhang auf! Oper entdecken und Erleben“ erzählt Ingo Metzmacher die Entstehungsgeschichte der Oper.

„Im Januar 1995 kam Wolfgang Rihm in unser frischbezogenes Haus zum Abendessen. Wir plauderten über dies und das. Es gab herrliche, selbstgemachte Pasta. Ich fragte ihn mehr nebenbei, ob er an eine neue Oper denke. O ja, schon lange. Ich wurde neugierig. Gäbe es schon einen Titel? Dionysos. Dionysos? Ja, Dionysos, der Gott des Weins und der Ekstase. Allerdings aus der Sicht von Nietzsche. Das klang zugleich verwirrend und aufregend. Aber mir war sofort klar, was ich zu tun hatte. Ich fragte ihn, ob er diese Oper für mich schreiben könnte. Ich würde ihm einen offiziellen Auftrag besorgen. Der Wein war gut. Alles passte. Und er versprach es. An diesem kalten Abend vor über vierzehn Jahren. Bis heute gibt es das Stück nicht. Kein Takt, keine Note, die ich je zu Gesicht bekommen hätte. Die Uraufführung wurde mehrfach verschoben. Das Versprechen gilt weiter. Da bin ich mir ganz sicher. Eine Oper zu komponieren ist keine Kleinigkeit. Auch für Rihm nicht, der schon sehr viele Werke geschrieben hat. Trotzdem hat es mich ge-wundert, dass er so lange braucht, um eine Idee, die er anscheinend schon seit geraumer Zeit mit sich herumträgt, zu realisieren. Vielleicht hat es ja doch damit zu tun, dass die Selbstver-ständlichkeit, mit der man in der Vergangenheit Musik für das Theater schrieb, nicht mehr dieselbe ist. Denn viele Fragen stellen sich neu. Zum Beispiel die nach dem Text.

Wo finde ich ein Libretto, das nach Gesang verlangt? Will ich überhaupt eine herkömmliche Geschichte vertonen? Oder suche ich nach einzelnen Stationen einer Reise, nach Bildern, die, aneinandergereiht, etwas erzählen, das nur mit Musik zu erzählen ist? Ich würde es gerne wissen. Was bewegt ihn heute an dem Stoff? Wie weit ist er gekommen?

Ich mache mich auf. Gehe ihn besuchen. Zu Hause in Karlsruhe. Er bewohnt eine großzügig geschnittene, geräumige Wohnung. Altbau natürlich. Mit Balkon und Terrasse. Die Clematis blüht, es riecht nach Flieder. Ein Hauch von Italien weht mich an. Im Sommer sitzt er oft draußen und komponiert. Wir haben uns drinnen in zwei Ledersesseln niedergelassen. Die einzigen, die noch frei sind. Überall liegen Noten, Partituren, Bücher und Zeitungen. Ein Mann des Geistes. Ohne Frage. Der in seiner mächtigen Stirn ein Wissen birgt, das einen staunen macht. Nietzsche hat ihn

schon immer interessiert. Seine Umwertung der Werte hat ihn besonders angezogen. Dass er etwas, das bereits bezeichnet ist, neu benennt. Es von einer anderen Seite betrachtet. Es neu erfindet. Neu begreift. Und damit klarmacht, dass auch Begriffe, Worte leben müssen. Sonst verstopfen sie das Denken. Sonst erstarren sie zu nutzlosem Wissen, versperren den freien Blick auf die Dinge. Er liest mir aus Nietzsches Krankengeschichte vor. Bemerkt, aus diesen Texten könne man auch eine Oper machen. Die letzten zehn Jahre seines Lebens war Nietzsche wie paralysiert. Er vegetierte nur dahin. Freunde, die ihn besuchten, berichteten, diese einst große Seele sei für immer zerbrochen. Ein Jammer. Kein schöner Anblick. Die Eintragungen sind knapp und schonungslos. Berichten von nächtlichen Torturen. Dass er die Wände mit Kot beschmiert. Sich stundenlang die Nase hält. Plötzlich ein Lachen. Schau, heute war die Mutter da! Er schien sehr glücklich. Rihm blättert weiter. Versenkt sich tief hinein. Ich erlebe, wie er in diesen Büchern liest, forscht, recherchiert. Es arbeitet in ihm. Er sammelt Material im Kopf. Ständig. Um Nietzsche zu begreifen. Diesen unglaublichen Geist. Der hielt sich für Dionysos. Den Halbgott, Sohn des Zeus und der Semele. Unterschrieb seine Briefe mit dessen Namen. Erkühnte sich göttlicher Kraft. Wähnte sich stark wie er. Heilbringend, erlösend, weltverändernd.

Er überblendete sich mit ihm. Nietzsche und Dionysos verschmolzen zu einer Person. Nicht mehr zu trennen. Doppelt belichtet. So sieht es Rihm. So will er es fassen.

Kurz skizziert er die Besetzung. Ein Bariton für die Figur, die Nietzsche ähnelt. Ein Tenor für dessen Freund namens Gast. Ein hoher Sopran für die wechselnden Verkörperungen weiblicher Ideale. Schön gesagt. Dazu zwei weitere weibliche Stimmen. Zur Ergänzung und für kleine Nebenrollen. Der Chor singt aus dem Hintergrund. Wirkt nur als Klang, ohne als Menge in Erscheinung zu treten. Die Besetzung des Orchesters ist nicht groß. Zweifaches Holz, etwas Blech, Hörner. Pauke, Harfe, Schlagzeug, Gongs. Die Anzahl der Streicher hängt vom Platz im Graben ab. Wir werden sehen. Weitere konkrete Angaben zur Musik sind ihm nicht zu entlocken. Es ist zu früh. Er brütet noch. Zu viele Ideen spuken ihm im Kopf herum. Die müssen sich erst klären. Auf die Frage, wie es denn klingen wird, bekomme ich keine klare Antwort. Das stelle sich während des Komponierens heraus, sagt er kurz und bündig. Das könne er jetzt nicht wissen. Er arbeitet nie mit vorgefertigten Konzepten. Er tastet sich voran. Ideen können sich immer ändern. Möglichkeiten bleiben offen. Wege zeigen sich beim Gehen.

Work in progress. Besonders, wenn er für das Theater schreibt, entsteht jedes Mal etwas völlig Neues. Er versucht zu finden, was er selbst noch nicht kennt. Dann muss er sich darin bewähren. Das ist die größte Herausforderung. Was für ein rätselvolles Geschehen. Friedrich Nietzsche, größter, brillantester Denker seiner Zeit, beobachtet am 3. Januar 1889 auf einem Marktplatz in Turin, wie ein Droschkenkutscher auf seinen Gaul einschlägt. In einem plötzlichen Anfall von Mitleid stürzt er herbei, erbarmt sich des Tieres und fällt ihm in einer großen theatralischen Geste um den Hals. Im selben Augenblick bricht er zusammen. Aus dem Gefühl einer übersteigerten Mitleidsregung findet er nicht mehr heraus. Er lebt noch zehn Jahre in geistiger Umnachtung. Er hat nie wieder etwas geschrieben. Sein Denken endet mit diesem Tag. Unfassbar.
Auf diese Szene soll die ganze Oper zulaufen. So der Plan. Vielleicht wird das Pferd schon vorher eine Rolle spielen. Als ominöses Zeichen. Als Auslöser eines Wahnsinnes, der unterschwellig immer schon vorhanden war. Nietzsche selbst sagt dazu, dass nichts Neues unter der Sonne entstehe, wenn es nicht aus dem Wahnsinn geboren sei. Fast überall sei er es, der Wahnsinn, welcher dem neuen Gedanken den Weg bahnt, welcher den Bann eines verehrten Brauchs und Aberglaubens bricht. Insofern ist das, was er zuletzt herausgab, von besonderem Interesse. Gedichte. Zusammengefasst unter dem Titel Dionysos-Dithyramben. Auf den ersten Blick ein wildes Sammelsurium.

„Nur Narr! Nur Dichter!“ – „Unter Töchtern der Wüste“ – „Zwischen Raubvögeln“ –
„Die Sonne sinkt“ – „Klage der Ariadne“ – „Ruhm und Ewigkeit“.

Sie bilden für Rihm die Grundlage aller Überlegungen. Von ihnen geht er aus. Seit er sie kennt, denkt er daran, daraus eine Oper zu entwickeln. Er ist überzeugt, dass darin ein Theaterstück verborgen ist. Ich stutze. Gedichte? Theater? Wie geht das? Er holt das Buch. Schlägt eine Seite auf. Und liest. Zum Beispiel hier:

Nicht lange durstest du noch, verbranntes Herz! Verheissung ist in der Luft,
aus unbekannten Mündern bläst mich’s an – die grosse Kühle kommt …

Das muss man doch vertonen. Ich frage nach dem Grund. Er zögert mit der Antwort. Die Worte müssen strahlen. Er spürt es einfach. Ich glaube ihm. So wie er das liest, höre ich schon etwas von einer Musik, die es noch gar nicht gibt. Erfüllt, dicht und ernst. Doch auch leicht und locker miteinander verbunden. Jetzt noch dies:

Nie empfand ich näher mir süsse Sicherheit, wärmer der Sonne Blick. – Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch? Silbern, leicht, ein Fisch schwimmt nun mein Nachen hinaus …

Offenes Ende, jedes Mal. Das Zerfließen des Satzes in eine Leere hinein. Gedankenstriche. Punkt. Punkt. Punkt. Mittel, Gedachtes in der Schwebe zu belassen. Ohne sich festzulegen. Dahinter kommt noch was. Es bleibt dem Leser vorbehalten. Der blickt dem Nachen hinterher. Bis er am Horizont verschwindet. Das ruft natürlich nach Musik. Die ewig verrinnende Kunst, die nichts festhalten will. Der wir immer hinterherhören. Bis sie verklungen ist. Die in sich gerne alles in der Schwebe hält. Denn dann klingt sie besonders schön. Die so wunderbar nachhorchen kann. Nachsinnen. Nachempfinden. Ihre Form ist etwas sehr Bewegliches. Sie ist nicht festzuhalten. Sie entsteht erst im Vergehen der Zeit. Entsteht mitten im Fluss. Dem muss man sich anvertrauen. Rihm sagt, er kreist darum herum. Meistens hat er viel zu viele Ideen. Am Anfang tut er sich deswegen schwer. Manchmal muss er auch Federn lassen. Es dauert lang, bis sich die Spreu vom Weizen trennt. Er wartet, bis es sich fügt. Das sind dann Momente großer Erfrischung. Ich stelle es mir lebhaft vor. Mehr ist ihm nicht zu entlocken.

Ein Libretto im üblichen Sinne gibt es nicht. Keine Geschichte, keinen Plot, kein Drehbuch. An dem entlang man komponieren könnte. Er geht anders vor. Er sucht sich seinen Text. Er stellt ihn selbst zusammen. In offener Form. Die reizt ihn. Rihm spricht von Inseln. Situationsinseln, die nur über Brücken zusammenhängen. Auf denen einzelne Szenen angelegt sind. Ein paar davon hat er bereits im Kopf. Er wird sie mir verraten. Doch weiß er noch nichts über ihre Reihenfolge. Etwas muss darüberstehen, das sie zusammenhält. Schwer zu finden. Schwer, darüber Endgültiges zu sagen. Eine Bergwanderung schwebt ihm vor. Ein Gang zum Gipfel. Nietzsche und sein Freund Gast sind gemeinsam unterwegs. Auf der Höhe werden Gongs erklingen. Der Meister spricht.

Still! – Von grossen Dingen – ich sehe Grosses! – soll man schweigen oder gross reden: rede gross, meine entzückte Weisheit!

Der Blick zum Himmel. Klare Luft. Anrufung höchster Macht. Im Angesicht der weithin ruhenden Welt fällt vieles ab. Konzentration auf das Wesentliche. Auf letzte Dinge. Herzen öffnen sich. Gedanken fliegen.

Ich sehe hinauf – dort rollen Lichtmeere: – oh Nacht, oh Schweigen, oh todtenstiller Lärm!Ich sehe ein Zeichen –, aus fernsten Fernen sinkt langsam funkelnd ein Sternbild gegen mich

Eine Szene im Atelier. Der Maler vor der Leinwand. Dionysos als Beschützer alles Schöpferischen. Der die Erfindung fördert. Der inspiriert, der Mut macht, unerforschtes Gebiet zu erkunden. Der uns immer wieder von neuem schöpfen lässt aus dem unendlichen Reservoir der Möglichkeiten. Denn alles ist schon da. Wir müssen es nur sehen, es ergreifen. Vielleicht wird es auch viel konkreter.

Mitten auf dem Vierwaldstätter See. Nietzsche allein im Boot mit Cosima Wagner. Die er verehrt als seine Göttin. Die er Ariadne nennt. Der er geheimnisvolle Liebesbriefe schreibt. Ein klassisches Dreiecksverhältnis. Richard Wagner als verhasster Ehemann. Nietzsche dagegen wähnt sich selbst in der Rolle des überlegenen Liebhabers. Nennt sich Dionysos. Den Gott des Rausches. Unwiderstehlich. Vieles liegt in der Luft. Vieles ist möglich. „Die Wüste wächst: weh dem, der

Wüsten birgt …“ Deren Töchter bieten sich an. Das könnte eine Szene im Bordell werden. Oder sonst etwas Verfängliches. „Vergiss nicht, Mensch, den Wollust ausgeloht: du – bist der Stein, die Wüste, bist der Tod …“

Mehr sagt er nicht. Der Komponist. Er schweigt. Wenn man zu viel darüber spricht, entlässt man es aus dem Ungefähren. Dann versteckt es sich für lange Zeit. Das möchte er vermeiden. Ich respektiere das. Ich frage nicht nach. Ich spüre, dass es ihn bewegt. Tagein, tagaus. Irgendwann wird es so weit sein. Dann setzt er sich hin und beginnt mit dem Schreiben. Dann fasst er alles Fließen und Singen in eine Schrift, in klare Noten, in eindeutige Zeichen, die aussehen, als hätten sie gar nicht anders sein können. Darin ist dann für immer aufbewahrt, was ihn so lang bewegte und umtrieb. Über vierzehn Jahre lang. All die Pläne und Gedanken, geronnen zu einer wohlgeformten Schrift, die sich, wenn sie richtig entziffert wird, zurückverwandelt in Musik. Ein Wunder. Ich bin gespannt darauf. Als ich gehe, scheint er guter Dinge. Wahrscheinlich ist ihm wieder etwas eingefallen. Wie sagte doch Nietzsche in seiner unverwechselbaren Art: „Ich kenne keine andere Art, mit grossen Aufgaben zu verkehren, als das Spiel.“

INGO METZMACHER

„Vorhang auf! Oper entdecken und erleben“
von Ingo Metzmacher
ISBN 978-3-87134-576-0
© 2009, Rowohlt Berlin Verlag GmbH, Berlin